Insomnia (2002) – klischierte Mittelmäßigkeit

Al Pacino, Robin Williams, Christopher Nolan vermixt mit der Wildnis Alaskas sowie ein spannendes Psycho- und Kriminalitätsdrama. Insomnia scheint vielversprechend. Aber Moment mal, ein Kriminalitätsdrama? Der Erwartungsfahrstuhl fährt gleich wieder ein paar Etagen runter. Krimis bleiben doch oft formelhaft, Insomnia auch?

In einem kleinen Ort in Alaska wird ein junges Mädchen ermordet. Um der örtlichen Polizei zu helfen, kommen Detectives Dormer (Al Pacino) und Eckhart, wobei ersterer ein Experte für schwierige Mordfälle ist, über die atemberaubende Gletscherlandschaft nach Nightmute geflogen. Und das war schon die beste Szene. Warum gibt es in einem Dorf eine Polizeistation mit mehreren Polizisten nebst Gerichtsmedizin? Wie dumm halten die Filmemacher uns Zuschauer eigentlich. Nightmute hatte zum Zeitpunkt des Films etwas mehr als 200 Einwohner. Das ist kein Tippfehler: Zweihundert.

Was überhaupt machen zwei Cops aus Kalifornien in Alaska? Die haben doch überhaupt keine rechtlichen Befugnisse in einem anderen Bundesstaat. Vor allem nicht, wenn der örtliche Polizeichef Dormer nur einlädt, weil er ihn von früher kennt. Der Mordfall an sich aber absolut keinen Zug zu L.A. hat. Aber ja klar, ergibt total Sinn, wenn zwei Typen mit Polizeimarken aus Los Angeles in Alaska ermitteln und (wir sind in einem Hollywood Film) von ihren Schusswaffen Gebrauch machen.

Ist ja nicht so, als ob Alaska keine »state police« hat, mit Abteilungen für schwere Verbrechen wie z.B. Mord. Also sowas wie ein Landeskriminalamt in Deutschland. Oh nein, die müssen Cops aus L.A. einfliegen (wer bezahlt eigentlich den Flug?). Der Film fängt auf der Realismusebene schon problematisch an, um dann in die klischierte Mittelmäßigkeit abzusinken. Ich fange schon an zu gähnen.

Detective Dormer ist ein Film- und Fernsehpolizist par excellence catalogue. Einer, der gern mal gegen die Regeln arbeitet, um den »Bösewicht« zu kriegen. Der es tut für die Opfer und die Familien, weil »das System« mit den blöden Regeln echten Cops nur im Weg steht und Täter auf freiem Fuß bleiben. Begriffe wie Rechtsstaatlichkeit und Unschuldsvermutung hat Dormer vermutlich noch nie gehört. Ich erspare es mir, mich über diese Darstellung von Polizeiarbeit zu echauffieren. Ich habe davon schon genug gesehen. Langweilig!

Dormer schaut sich erstmal die Leiche an. Die Akte lesen geht später immer noch. Beim groben Betrachten des toten Mädchens fabuliert und psychologisiert er schon einmal den Täter. Da hat wohl jemand zu viele Folgen von Profiler gesehen. Öde! Und natürlich gibt es Ermittlungen der Dienstaufsicht gegen Dormer, wegen seiner nicht ganz so rechtssicheren Methoden. Aber wie immer, die Dienstaufsicht sind ja nur Sesselpupser, die keine Ahnung von »echter« Polizeiarbeit haben. Okay, das habe ich jetzt auch schon in Dutzenden Shows und Filmen gesehen.

Um die Spannung zu erhöhen, kündigt Dormers Partner an, bei der Dienstaufsicht gegen ihn auszusagen, um seine eigene Familie zu schützen. Verweise auf all die »Schweine«, die dann wegen formeller Rechtsfehler wieder freikommen würden, dürfen natürlich nicht fehlen. Ich gähne wieder und so einfach kommen verurteilte Täter auch wieder nicht frei. Aber immerhin erschießt Dormer dann versehentlich (oder nicht?) seinen Partner als sie dem möglichen (ach was, in dem Film steht der Täter doch sowieso fest, wozu der Konjunktiv) Täter eine Falle stellen. Es folgt ein ödes Spiel zwischen Dormer und dem Mörder (Robin Williams), der zufällig Zeuge des tödlichen Schusses wurde, in dem beide versuchen ihre Morde zu vertuschen aber sich gleichzeitig auch auszutricksen.

Insomnia besteht im Grunde nur aus tollen Aufnahmen und Krimiklischees. Da können auch Williams und Pacino nichts mehr retten. Ich könnte fast schon echten Polizisten zwei Stunden bei der Aktenarbeit zuschauen. Vielleicht gibt es Kaffee und ein paar Anekdoten. Insomnia dagegen ist eher zum Einschlafen. Gute Nacht!

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